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J A N U A R

Als sie das abgelegene Café betrat, welches ihr doch so vertraut war, wurde sie vom leisen Bimmeln der Glöckchen über der Tür begrüßt, und der Geruch von Kaffee und Karamell mit einem vagen Hauch von Zimt stieg ihr unter die Nase. Gleichzeitig senkte sie ihren Kopf und kramte in ihrer Tasche herum, um ihr Handy herauszufischen, welches just in diesem Moment anfing zu vibrieren. Die Schneeflocken, welche zuvor in ihren Haaren gelandet waren, waren bereits geschmolzen. So unaufmerksam, wie sie gerade war, konnte sie nicht vermeiden, mit einer fremden Person zusammenzustoßen, die sich in diesem Augenblick mit einem Kaffeebecher umgedreht hatte.

Als ihm der Becher aus den Händen glitt und er verärgert seine Stirn runzelte, sich bereits darauf vorbereitete, die Person vor sich anzuschnauzen, wusste er nicht, dass diese Begegnung sein bereits mehr als nur hartes Leben verkomplizieren würde; und die Augen, die erschrocken zu ihm hochsahen und sich stumm entschuldigten, wussten es genauso wenig.

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F E B R U A R

Sie fuhr sich mit einer Hand durch ihre Haare und blätterte gelangweilt durch die Modezeitschrift, die vor ihr auf dem kleinen, runden Tisch lag. Schillernde Kleider, bestickt mit cremefarbenen Perlen und verziert mit zarter, unschuldiger Spitze, sprangen ihr von den Seiten entgegen, aber es interessierte sie nicht. Sie besaß bereits solche Kleider und noch vieles mehr. Seufzend legte sie ihre schmale, kleine Hand auf die Zeitschrift und hob ihren Blick, um ihre Augen beiläufig durch das Café schweifen zu lassen.

Ihre Blicke begegneten sich für den Bruchteil einer Sekunde.

Und für diesen Bruchteil der Sekunde, als ihre Augen auf ihn fielen und ihr Lächeln an ihn gerichtet war, gab sie seiner Existenz einen Sinn.

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M Ä R Z

Er beobachtete, wie sich ihre Hüften zum Takt der Musik wogen, wie sie ihre wunderschönen Haare nach hinten warf und sich dem Rhythmus hingab. Und er konnte nicht anders als sich zu fragen, ob sie sich ihm genauso hingeben würde. Ob sie genauso unter seinen Berührungen aufblühen und erglühen würde. Der Club war brechend voll, aber sie war jene, von der er seine Augen nicht lassen konnte. In einem einzigen Zug trank er seinen Whiskey aus, ehe er sich eine Zigarette mit einem Schlenker seines Zauberstabes anzündete und sie weiter beim Tanzen beobachtete. Sie hatte zwar die Augen einer Heiligen, aber den Körper einer Verführerin.

„Ich werde dich zu nichts drängen, was du nicht willst. Aber ich werde mich auch nicht zurückhalten und ewiges Zölibat schwören oder was auch immer Männer heutzutage in diesen Liebesromanen tun.“

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A P R I L

Eine einzige Träne bahnte sich lautlos den Weg über ihre blasse Wange, leicht schimmernd im Licht der Morgendämmerung. Sie wandte sich ab, den Handrücken an die Lippen gepresst. Und er stand einfach nur da unter dem flackernden Licht der Straßenlaterne und beobachtete sie mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck. Sie wusste nicht, wie viele Minuten vergingen, aber irgendwann packte sie ihre Sachen zusammen und eilte die Straße herunter, ohne ihm einen letzten Blick zu schenken. Er hatte es in diesem Moment nicht verdient. Er hatte in diesem Moment gar nichts verdient. Sie drückte auf den Knopf ihrer Autoschlüssel, worauf die Scheinwerfer ihres Wagens sofort aufblinkten. Als sie schließlich hinter dem Steuer saß, das Lenkrad mit beiden Händen fest umklammerte, erlaubte sie sich die Tränen.

„Du kannst entweder Liebe wählen, oder du kannst Hass wählen, denn wo eines lebt, stirbt das andere.“

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M A I

Als er das Schlafzimmer betrat, wartete sie bereits auf ihn. Bekleidet in einem weißen T-Shirt und einem schwarzen Spitzenhöschen lag sie auf ihrem Bauch quer über dem Bett, vor ihr ein Buch liegend, und hielt lässig ein Glas Rotwein in einer Hand. Er konnte nicht anders als seine Augen automatisch über ihre samtige Haut gleiten zu lassen, über die sanfte Kurve ihres Hinterns, über die weichen Wölbungen ihrer Waden. Er musste sich ein Grinsen verkneifen, als er ihre knallrot lackierten Fußnägel sah. Sie stand langsam auf und nahm dabei einen kleinen Schluck von ihrem Rotwein, ehe sie das Glas auf den Nachtschrank neben dem Bett abstellte und auf ihn zukam wie eine Sirene – schwingende Hüften, nackte Beine, ihr flacher Bauch lugte verführerisch unter dem Saum ihres T-Shirts hervor. Heute ging es aber nicht um ihn, sondern um sie, egal was sie für heute Abend geplant hatte.

„Du wirst mich bekommen, aber ich habe deinen Geschmack mehr als eine Woche lang nicht auf meiner Zunge gehabt. Ich brauche ihn, also wirst du jetzt ein gutes Mädchen sein und dich zurücklegen und mich deine kleine, heiße Pussy küssen lassen, bis ich satt bin, und dann werde ich dir meinen Schwanz geben.“

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J U N I

Sie sah furchtbar aus, als er die Tür öffnete und sie erkannte. So müde. So fertig. Bereitwillig stolperte sie in seine Arme, die er für sie ausgestreckt hielt und klammerte sich wie eine Ertrinkende an ihn. Keiner von ihnen sagte etwas, aber in diesem Moment wären Worte fehl am Platz gewesen. Er wusste, dass etwas geschehen war, etwas, was ihre Familie betraf. Und er spürte wieder, wie die Wut in ihm hochstieg; Wut auf ihre Familie, ihre Eltern, auf die ganzen reinblütigen Arschlöcher. Er wusste, dass sie um ein Mienenfeld herumlief, indem sie versuchte, ihre Beziehung mit ihm geheim zu halten und gleichzeitig eine schöne Fassade für die Öffentlichkeit zu bewahren. Er wusste, dass ein Verrat an ihrer Familie von ihrer Seite aus tödliche Konsequenzen haben konnte. Später schlief sie in seinen Armen ein, mit trockenen Tränenspuren auf den Wangen, aber er bekam in dieser Nacht kein Auge zu, während seine Finger sanft ihre weichen Haare streichelten.

„Es gibt nichts, wovor du dich bei mir zu fürchten oder schämen brauchst.“

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J U L I

Etwas hatte sich zwischen ihnen verändert. Die Blicke, die sie ihm früher verstohlen zugeworfen hatte, wurden immer seltener. Ihre Worte wurden immer kälter. Sie drehte ihren Kopf in die andere Richtung, und als er ihr eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht streichen wollte, zuckte sie zusammen und wich von ihm zurück. Ohne jegliche Erklärung sammelte sie ihre Sachen auf und eilte aus dem Büro, irgendwohin, wo er sie nicht erreichen können würde; und er wusste es, und sie wusste es auch. Ihre Welten und Leben waren viel zu verschieden als dass es jemals mit ihnen hätte klappen können. Sie beide waren von Anfang am zum Scheitern verurteilt gewesen.

Es ging langsam zu Ende.

Aber auch wenn sie nicht für sie beide kämpfen würde – er würde für sie in den Krieg ziehen.

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A U G U S T

Der Himmel über New York war grau, und sie saß in dem kahlweißen Zimmer und lauschte starr dem monotonen Piepen des Monitors, der seinen Herzschlag überwachte. Schläuche waren an seinem Körper befestigt, eine Atemmaske bedeckte seinen Mund und seine Nase. Sie hatte ihn noch niemals zuvor so schwach gesehen, so verletzlich, aber gleichzeitig auch so friedlich. Langsam erhob sie sich von dem Stuhl, auf dem sie die ganze Zeit gesessen hatte und legte sich zu ihm aufs Krankenbett. Sie verschränkte ihre Finger mit seinen und drückte leicht seine Hand und betete zu allen Göttern, dass sie ihn ihr wieder zurückgaben. Ein Leben ohne ihn war für sie keine Option mehr.

„Bitte gib‘ mich nicht auf.“

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S E P T E M B E R

Er pustete den Rauch aus seinen Lungen und beobachtete, wie sich die grauen Schwaden in der kühlen Luft verflüchtigten. Eigentlich durfte er noch nicht rauchen, aber er war noch nie jemand gewesen, der auf Möchtegernärzte hörte, die ihm unnötige Medikamente verschrieben. Sie war die Medizin, die er jetzt brauchte. Sie und ihre Augen und ihr Lächeln. Sein bester Freund, der in allen Dingen außer dem Blut sein Bruder war, stieß ihn sachte an, worauf er fragend aufbrummte.

„Liebst du dieses Mädchen?“

„Ich bin verdammt nochmal verrückt nach ihr.“

„Das habe ich schon verstanden. Aber ich habe dich gefragt, ob du sie liebst. Ich habe gefragt, ob du diese Worte sagen würdest. Ich meine damit wahre, anhaltende, bedingungslose, ihre-Haare-halten-während-sie-wegen-der-Morgenübelkeit-kotzt Liebe.“


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O K T O B E R

Er hatte es nicht beabsichtigt, zu ihr zu gehen. Es war automatisch geschehen, seine Füße hatten ihn wie von selbst zu ihr getragen. Als er ihr näher kam, bemerkte er, dass sie nicht alleine war. Ihre beste Freundin saß neben ihr auf der Bank mit einem Kleinkind in ihren Armen. Und es zerriss ihm seine Lungen. Und es ließ alles in ihm qualvoll aufschreien, als er beobachtete, wie sie lachend das Kind ihrer Freundin auf ihre Arme nahm und dem kleinen Jungen einen Kuss auf die Wange drückte. Er wusste, dass er sich nicht nach dieser Scheiße verzehren konnte, er wusste, dass er niemals ein Leben mit 2,5 Kindern, einem weißen Zaun und einem Golden Retriever namens Buddy haben konnte.

Aber er wollte sie hier haben, mit ihm. Er wollte nach Hause kommen und die Dusche laufen hören und sich darüber freuen, weil er wissen würde, dass sie darunter stand. Er wollte jeden Morgen dagegen ankämpfen aufzustehen und ins Studio zu fahren, weil er es hassen würde, ihren warmen Körper im Bett zurückzulassen. Er wollte den Schlüssel im Schloss klicken hören und sich zufrieden fühlen, weil er wissen würde, dass sie endlich nach Hause kam.

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N O V E M B E R

Der Geruch des Todes und von Blut erfüllte ihre Sinne, und sie konnte die panischen Schreie der Menschen um sich herum hören. Und sie konnte den eisigen Schmerz spüren, der ihre Gliedmaßen hochkroch. Sie versuchte sich zu bewegen, aber ihr Körper wollte sich nicht rühren. Sie hatte nicht einmal genug Kraft und Energie, um darüber in Panik auszubrechen. Sie fühlte nur, wie ihre Augenlider immer schwerer wurden, wie ihre Umgebung verschwamm und langsam schwarz wurde. Dann sah sie ihn, wie er in die Halle stürzte und sie entdeckte und das Blut, welches sich um ihren Körper ausgebreitet hatte. Ihr Blut? Vielleicht. Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass sie noch niemals so viel Verzweiflung und Angst in seinen Augen gesehen hatte.

„Willst du mich? Willst du mich lieben?“

„Ja, verdammt. Ja, ich will es. Ich will dich.“


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D E Z E M B E R

Über den Dächern der Häuser lag der Duft von Zimt und Karamell und heißer Schokolade und Kerzenwachs. Christbäume standen geschmückt an jeder Ecke von New York, und der Schnee bedeckte die Straßen in dicken, blütenweißen Schichten und sorgte für Verkehrsstockungen. Weihnachtsmänner saßen in den Einkaufszentren, um die Kinder zu unterhalten.

Weihnachte kam näher.

Sie war sie, und er war er, und sie waren zusammen, und das war alles, was jetzt noch zählte.

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